Mir scheinen viele Diskussionen über das transatlantische Verhältnis viel zu kurzatmig. Donald Trump ist ein historischer Bruch – aber es wird danach weitergehen.
Natürlich müssen wir versuchen, die NATO zusammenzuhalten und zu stabilisieren. Selbst verteidigungsfähig zu werden dient genau diesem Ziel und ist nicht gegen die USA gerichtet. Die Sorge einiger alter Transatlantiker, wir müssten es bei Demut und Bettelei belassen, finde ich befremdlich. Die Vorstellung wiederum, wir müssten uns gegen den Rest der Welt einschließlich der USA einigeln, erscheint mir übertrieben pessimistisch.
Trump zehrt amerikanische Macht auf für seinen innenpolitischen Bedarf. Er verspielt Berechenbarkeit, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit – und damit jede Möglichkeit, auf das Verhalten anderer wirklich Einfluss zu nehmen. Das scheint die US-Öffentlichkeit in weiten Teilen nicht zu verstehen, aber es kann nicht lange tragen.
Eigentlich hatte „der Westen“ immer zwei Pole. Das neuzeitliche Europa wäre in seiner Entwicklung undenkbar ohne die USA – und Gleiches gilt umgekehrt. Das Verhältnis war immer komplementär. Dieselben Ideen haben beide Seiten des Atlantiks geprägt, sie wurden unterschiedlich ausgeformt – und genau das hat uns gemeinsam resilienter gemacht.
Deshalb erscheint es mir folgerichtig, Europa als Teil des Machtspiels in den USA zu begreifen, so wie die USA immer Teil europäischer Debatten waren. Und damit ist es auch richtig, entschieden, selbstbewusst und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit einzugreifen, wo ein US-Präsident seinem eigenen Land schadet.
Nicht aus Überheblichkeit, nicht gegen Amerika, sondern aus Verantwortung für einen Westen, der nie aus Unterordnung bestand, sondern aus gegenseitiger Korrektur.
