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Selbstgleichschaltung

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Evangelische Akademie der Pfalz

Wie war das genau, damals, als im Zeichen eines Aufbruchs in vermeintlich bessere Zeiten alles in Bewegung geriet, als eine neue Ordnung alles überformte und umformte? Am 30. Januar 1933 erteilte Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler den Auftrag, eine Reichsregierung zu bilden – vermeintlich ein Akt der Einhegung der NSDAP durch Konservative. Außer dem Reichskanzler gab es unter den Ministern ganze zwei Nationalsozialisten. Und dennoch: Bis zu Hindenburgs Tod am 2. August 1934 war das Land ein anderes geworden. Der Reichstag: ausgeschaltet. Zivilgesellschaft, Kirchen, Länder, Medien: gleichgeschaltet. Und eine Volksabstimmung zur Vereinigung der Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten war schon angesetzt.

Wie war das möglich geworden? Wie konnten die Nationalsozialisten ein ganzes Land so scheinbar planvoll unter Kontrolle bringen? War es doch durchorganisiert und geprägt von Traditionen, bewohnt von engagierten, gebildeten, denkenden Menschen?

Einen interessanten Ausschnitt des Geschehens behandelte die Tagung “Die Pfälzische Landeskirche im Nationalsozialismus”. Sie wurde veranstaltet von der Evangelischen Akademie der Pfalz und dem Verein für Pfälzische Kirchengeschichte am 21. und 22. Januar 2012 in Landau. Die schockierende Erkenntnis, vielfach belegt durch Historiker: Die Kirche, in der ich getauft und konfirmiert worden bin, wollte dabei sein, wollte mitmachen, wollte dazugehören. Sie sah sich als Teil eines neuen, eines besseren Deutschlands. Etwa ein Drittel der Pfarrer gehört der NSDAP an. Es waren vor allem junge, engagierte. Und die Alten, Etablierten, Erfahrenen – Pfarrer wie auch andere Gemeindeglieder – traten zum großen Teil einfach zur Seite.

Von Gleichschaltung der Landeskirche könne nicht die Rede sein, so Prof. Dr. Christoph Strohm von der Universität Heidelberg. Man könne redlicherweise nur von einer Selbstgleichschaltung sprechen. Die Kirche habe sich letztlich willig in das nationalsozialistische Deutschland eingefügt. Die große Masse, die schweigende Mehrheit, habe das mitgetragen.

Faszinierend – und mit Blick auf diese Gesamttendenz entlarvend – war eine Episode eher am Rande: Seit 1930 war Jakob Kessler als Kirchenpräsident im Amt gewesen. Dieser war Demokrat, ein Karrierejurist, zuvor Richter am Reichsgericht in Leipzig. Die Landessynode wurde geleitet von Ludwig Diehl, einem engagierten jungen Pfarrer und NSDAP-Mitglied, der 1934 Kesslers Nachfolger werden sollte.

Als nun ein Pfarrer wegen einer jüdischen Großmutter aus dem Amt gedrängt werden sollte, betrieb Kirchenpräsident Reichsgerichtsrat Dr. Jakob Kessler dessen Entlassung. Schließlich sei die Rechtslage eindeutig. Zum Fürsprecher des beliebten Pfarrers wurde hingegen ausgerechnet der Nationalsozialist und Vorsitzende der Deutschen Christen in der Pfalz Ludwig Diehl. Verkehrte Welt!

Und wieder einmal wird einem bewusst, dass man ganz vorsichtig sein sollte mit allzu selbstgerechten Annahmen darüber, wie man sich wohl selbst verhalten hätte, damals in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts. Nachhaltig erschreckend bleibt der Gedanke, man wäre ihr damals erlegen und erliege ihr mitunter auch heute: Der Selbstgleichschaltung.