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Identifikation vs. Effizienz

Mit Beginn des Konsultationsprozesses zu den Politischen Forderungen 2020/21 der Europäischen Bewegung Deutschland (EBD) werden unter den Mitgliedern verschiedene Aspekte diskutiert, die die Vielfalt des Netzwerkes der EBD widerspiegeln. Ein Gespräch zwischen EBD-Vorstandsmitglied Frank Burgdörfer und Dr. Dietrich Voslamber, Leiter der AG „Sprachenpolitik in Europa“ des Vereins Deutsche Sprache, diente in diesem Rahmen dazu, die politische Ausrichtung der EBD zum Thema Sprachenpolitik zu debattieren.

Eingangs wies Voslamber auf den Vertrag über die Europäische Union und die Grundrechtecharta hin, die die Achtung der „kulturellen und sprachlichen Vielfalt“ Europas festschrieben. Sowohl im internen Arbeitsbetrieb als auch in der Außenkommunikation und visuellen Außendarstellung der Europäischen Kommission und des Rates der EU dominierten jedoch die Sprachen Englisch und Französisch. Insbesondere Deutsch als meistgesprochene Sprache in der EU führe ein Schattendasein, so Voslamber. Burgdörfer hingegen bemängelte, dass die Debatten des Europäischen Parlaments, in denen Vielsprachigkeit gelebt werde, kaum einen Weg in die Öffentlichkeit und die Medien fänden.

Aufgrund von persönlichen Erfahrungen rückte Burgdörfer die Rolle von Englisch als lingua franca in ein positives Licht. Die Tatsache, über eine Sprache zu verfügen, in der alle kommunizieren könnten, sei in vielen Situationen von unschätzbarem Wert und garantiere ein reibungsloses Funktionieren der Verwaltung. Ein „demonstratives Babylon“ sei zwar eine schöne Vorstellung, allerdings sei hier Pragmatismus gefragt, so Burgdörfer. Voslamber stellte den Nutzen einer lingua franca nicht in Frage, wies aber auf die Risiken hin, die eine lediglich pragmatische Betrachtungsweise des Sprachengebrauchs in sich  birgt. Wenn sich beispielsweise Ursula von der Leyen und die Kommission der europäischen Öffentlichkeit gegenüber vornehmlich auf Englisch präsentierten, könnten sich gewisse europäische Kreise immer mehr von der EU abwenden, da sie sich kulturell und sprachlich nicht in der EU wiederfänden. Englisch begnüge sich zudem ja nicht mit seiner zweifellos nützlichen Rolle als lingua franca, sondern dringe darüber hinaus in alle gesellschaftlichen Bereiche ein, wobei die kulturelle und sprachliche Vielfalt Europas mehr und mehr verloren geht. Der zunehmende Gebrauch des Englischen in allen Lebensbereichen sei nicht – wie oft dargestellt – „ein Zeichen von fortschreitender Europäisierung, sondern – im Gegenteil – von Enteuropäisierung“, so Voslamber.

Im Mittelpunkt der Debatte sollten aber nicht die 30.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Europäischen Kommission stehen, entgegnete Burgdörfer. Vielmehr sei es wichtig, Sprachenvielfalt in ganz Europa als etwas Bereicherndes und Sinnstiftendes anzuerkennen. Hier müsse der Kontakt zu Fremdsprachen auf allen Ebenen gefördert werden, besonders in der Jugendmobilität. Es sollten nicht nur Studierende im Rahmen der Erasmusförderung, sondern auch Menschen in der Berufsausbildung und anderen Lebenswegen, Erfahrungen im europäischen Ausland sammeln und dabei sprachliche Kompetenzen erwerben können. Zudem sei mehr grenzüberschreitende Kooperation im Bereich der Medien wünschenswert, denn Mehrsprachigkeit in den Medien schaffe europäisches Bewusstsein. Genau solche Projekte zur Förderung von Sprachenkenntnissen müsse die EU angehen um „Vielfalt im Alltag erlebbar zu machen“, erklärte Burgdörfer. Denn als „Abklatsch der USA“, würde Europa unter den eigenen Möglichkeiten bleiben. In diesem Punkt waren sich die Gesprächspartner aus dem Netzwerk der EBD völlig einig.

Voslamber bedauerte, dass sich unter den gängigen Verfahrenssprachen der EU keine slawische Sprache befindet. Eine stärkere Einbindung von Polnisch im EU-Kontext wäre begrüßenswert, auch um einer Spaltung Europas zwischen Ost und West entgegenzuwirken. Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft ab Juli 2020 habe die Bundesregierung die Möglichkeit, ein Signal auszusenden, dass ihr die Sprachenvielfalt in Europa wichtig sei. Voslamber schlägt hierfür vor, die zugehörige Außenkommunikation, insbesondere im offiziellen Internetauftritt der Präsidentschaft, sechssprachig zu gestalten: Auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Polnisch.

Ein Aspekt zur Sprachenvielfalt mit besonderer Relevanz – sowohl bereits beim Gesprächstermin als auch heute nach wie vor – war der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU. Voslamber hob hervor, dass die englische Sprache voraussichtlich für lange Zeit ihre dominante Rolle beibehalten werde, dass sich in dem neuen Kontext aber die Chance biete, auch andere Sprachen als Englisch aufzuwerten. Das Anliegen des Vereins Deutsche Sprache sei ohnehin ein europäisches: Denn auch viele andere Sprachen in der EU, von Litauisch bis Portugiesisch, stünden unter Druck und müssten im gesamteuropäischen Raum in ihrer Reichweite aufgewertet werden. So endete das Gespräch zwischen Burgdörfer und Voslamber mit einem Appell, Vielsprachigkeit auch in den Politischen Forderungen der EBD stärker abzubilden, sowohl auf der Ebene der EU-Einrichtungen als insbesondere auch in Bezug auf Sprachenbildung in Grenzregionen. 

Erschienen auf der Website der Europäischen Bewegung Deutschland e.V.

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