Meine Geschichte

Jugend

Bauernhof, Musik und Journalismus

Meine Geschichte beginnt im Dorf Breunigweiler in Rheinland-Pfalz. Dort bin ich als ältester von drei Kindern in einer Bauernfamilie aufgewachsen, anfänglich mit vier, lange mit drei Generationen und bei weitem nicht immer idyllisch. Mein Vater führte einen für die Zeit großen Betrieb, bildete Landwirte aus und war vielfach aktiv in der Kirche, bei der Feuerwehr, in Vereinen und in der Kommunalpolitik. Meine Mutter half ihm, das alles zu bewältigen. Gelernt habe ich von Kindheit an, dass man sich darum kümmern muss, wenn man etwas will. 

Nach dem Kindergarten und der Grundschule in Sippersfeld habe ich bis zum Abitur 1991 das Wilhelm-Erb-Gymnasium in Winnweiler besucht. Ich war ein recht guter, aber kein exzellenter Schüler. Vor allem, weil ich neben der Schule sehr viel Anderes machte, zum Beispiel eine kirchenmusikalische Ausbildung. Ich habe in verschiedenen Bands und auch allein bei Hochzeiten und Dorffesten gespielt. Ich war im Vorstand des Kultur- und Sportvereins Breunigweiler. Und ich habe für die Lokalredaktion der Rheinpfalz geschrieben, vor allem über Kommunalpolitik. 

Daneben habe ich immer sehr gerne auf unserem Hof gearbeitet. Mit viel Freude habe ich bei der Renovierung und beim Umbau von Gebäuden geholfen, dafür von meinem Vater auch in einem aus heutiger Sicht unglaublichen Maß Verantwortung erhalten. Noch viel lieber war ich mit dem Traktor auf unseren Feldern. Nach der Schule habe ich beim Heilpädagogium Schillerhain in Kirchheimbolanden, einem kirchlichen Heim für lernbehinderte und verhaltensauffällige Kinder, meinen Zivildienst abgeleistet.

Studienzeit

Osten, Schweden und Europa

1988 war ich mit der Schulklasse noch in der DDR gewesen, auf den Mauerfall habe ich euphorisch reagiert. Daher wollte ich dann auch in den Osten, die Umbruchzeiten in Potsdam wurden sehr prägend für mich. Nach den Vordiplomen in Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre nach zwei Jahren bin ich nach Gießen umgezogen. Das Studienangebot und die Gebäude der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät waren mir sympathisch, auch persönliche Gründe spielten eine Rolle. Außerdem konnte ich in Marburg als Zweithörer politikwissenschaftliche Veranstaltungen besuchen. Allerdings langweilte mich Gießen sehr schnell und ich suchte nach Möglichkeiten, ins Ausland zu kommen.

Ein Jahr später bestieg ich in Kiel die Nordseefähre Stena Scandinavica. In Göteborg erwartete mich ein sehr aktives Jahr an der Handelshögskolan: Zu Vorlesungen, Seminaren und Sprachkursen kamen die Mitgliedschaft im Unikorus und die Interviews bei Volvo für meine Masterarbeit. Prägend war außerdem das Zusammenleben mit Menschen aus ganz Europa und der Welt. Ziemlich genau ein Jahr nach meiner Ankunft bestieg ich wieder die Stena Scandinavica – nun als ein in mancherlei Hinsicht anderer Mensch mit vielen neuen Freunden, einer Menge guter Erinnerungen und Erfahrungen sowie einem ersten Studienabschluss als Betriebswirt.

Dass ich Gießen immer noch nicht mochte, war keine Überraschung. Zügig habe ich meine Diplomarbeit über Währungspolitik geschrieben und die Abschlussprüfungen absolviert. Im Juli 1997 konnte ich mein Zeugnis als Diplom-Ökonom entgegennehmen. Einige Wochen arbeitete ich auf unserem Hof. Im August reiste ich über die Studentenorganisation AEGEE nach Belgrad und Skopje, vor allem weil mir der Umgang mit anderen Europäern fehlte. Und ich schrieb einige Bewerbungen. Bis mir der Vater eines Freundes sagte: In all Deinen Bewerbungen steht zwischen den Zeilen: ‚Ich will Ihre Stelle nicht, ich bin nicht so weit.‘ 

Eigentlich hatte ich immer auch noch Politikwissenschaften abschließen wollen. Eine andere Entwicklung drängte in dieselbe Richtung: Auf einer Versammlung der Studierendenorganisation AEGEE im ungarischen Veszprem 1997 wurde ich nicht zuletzt wegen meines etwas vorlauten Auftretens zum Präsidenten der „International Politics Working Group“ gewählt. Vom Studienplatzangebot an der Sussex University in England konnte ich aus Kostengründen keinen Gebrauch machen, landete stattdessen in München. Meine Bewerbung am damals renommierten Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) wurde zurückgewiesen, drei Wochen später rief man mich an, weil man mich für das finanzielle Controlling von Projekten brauchte. Nach zwei Jahren schloss ich meine Diplomarbeit über den Zerfall Jugoslawiens ab und erhielt meinen dritten Studienabschluss.

Experimente

Projekte, Berlin und ein Verein

In München hatte ich mich am CAP so etabliert, dass ich mein Geld auch ohne ständige Präsenz verdienen konnte. Dann scheiterte aber in Lodz meine Kandidatur für den weiteren Aufstieg bei AEGEE. Statt nach Brüssel ins Hauptquartier zu gehen, warf ich mich in Projektaktivitäten. In Budapest organisierte ich eine Konferenz über den Kosovokrieg, zu dem ein Buch kam. Mit Freunden initiierte ich ein Stipendienprogramm für Serben und Kosovaren in Deutschland und den Niederlanden. Dem folgte eine ganze Konferenzserie über „Ten Years of Transition“ in Ländern Mittelosteuropas und in der Ukraine. Ich vertrat AEGEE beim Europäischen Jugendforum und beim Europäischen Stabilitätspakt für den Westbalkan und wurde schließlich in die Kommission für Internationale Beziehungen der deutschen Rektorenkonferenz HRK berufen. Mit dem „Summit of 28“, einem Planspiel über die Entscheidungsfindung in einer erweiterten Europäischen Union, das ich konzipierte, vorbereitete und im Gebäude des Europäischen Parlaments anleiten durfte, schloss ich Ende 2001 vier sehr interessante und lehrreiche Jahre bei AEGEE ab. 

Genervt von Besserwissern hatte ich mir geschworen, AEGEE nach Abschluss meiner Projekte komplett zu verlassen. Schnell fehlten mir europäische Aktivitäten, Gelegenheiten zu Reisen, Europa zu erkunden. Im Mai 2002 gründete ich mit Freunden in München den Verein „Citizens of Europe“. Daraus wurde über die folgenden zehn Jahre eine Plattform für unterschiedlichste Projekte: für Seminare, Konferenzen, Fortbildungen, Kunstprojekte an den unterschiedlichsten Orten auf dem Kontinent, außerdem ein jährliches Kurzfilmfestival. 

Im Januar 2003 bin ich nach Berlin gezogen. Zunächst war es meine Aufgabe, im April 2003 für das Bundespresseamt eine große Konferenz zur Arbeit an der Europäischen Verfassung zu organisieren. Dies erwies sich als fantastische, sehr lehrreiche Erfahrung – vor allem deshalb, weil ich sowohl für das Organisatorische, als auch für das Inhaltliche verantwortlich war und damit viele eigene Vorstellungen verwirklichen und mit Leuten meiner Wahl zusammenarbeiten konnte. Bei just dieser Veranstaltung ergab sich beim Mittagessen mit dem Jugendreferenten beim Besucherdienst des Bundestags die Idee zum Planspiel „Parlamentarische Demokratie spielerisch erfahren“, es gehört seither zum Angebot des Deutschen Bundestages für Besuchergruppen und wird seitdem zwei- bis dreimal pro Woche mit Besuchergruppen umgesetzt. Hinzu kam mit „Jugend und Parlament“ die „große Schwester“, ein jährliches Großplanspiel, bei dem über 300 junge Menschen für 4 Tage Bundestagsabgeordnete sein dürfen. Aus all dem ergaben sich Folgeprojekte, mit denen ich meinen Lebensunterhalt bestreiten konnte.

Etablierung

Agentur, Vorträge und Netzwerke

2007 habe ich gemeinsam mit Heidi Ness eine Agentur gegründet, der wir nach zehn Jahren den neuen Namen polyspektiv gegeben haben. Ich betrachte es als großes Privileg, selbständig erfolgreich arbeiten zu können und gemeinsam mit einem wachsenden engagierten Team Ideen zu entwickeln, wie man Politik anschaulich vermitteln und Menschen zur Mitwirkung an einer demokratischen Gesellschaft befähigen kann. Zu Planspielen kamen andere Methoden und Formate, das Team wuchs beständig, zu Projekten in Deutschland kamen solche im Kaukasus, in Grönland, rund um das Mittelmeer und in Südostasien. Zum Bundestag und Landtagen kamen als Auftraggeberinnen Ministerien, Stiftungen, Bildungseinrichtungen und europäische Institutionen. Dazu kam die Mitgliedschaft im ‚Team Europe Direct‘, einem Expertenpool der EU-Kommission und schließlich ein Lehrauftrag an der Universität Koblenz-Landau.

Daneben stand immer mein europäisches Engagement. Citizens of Europe wuchs mir allerdings über die Jahre als ehrenamtliches Projekt über den Kopf. Auf dem Höhepunkt 2011 organisierten wir im pfälzischen Landau eine Zusammenkunft Engagierter aus ganz Europa. Alle nahmen am dortigen Tag des Ehrenamts teil. Hinzu kamen ein Studientag an der Universität, ein Filmabend im Kino und ein Abschlusskonzert auf dem Marktplatz. Zu dieser Zeit hatten wir drei europäische Volontäre im Berliner Büro und doppelt so viele „Entsandte“ irgendwo in Europa. Es gab über 50 Aktive, ein ganzes Netzwerk von Partnern und jährlich einen deutlich sechsstelligen Projektumsatz. In Landau wurde ich für ein zehntes Jahr zum Vorsitzenden gewählt und kündigte an, dass es mein letztes sein werde. 

2014 wurde ich in den Vorstand der Europäischen Bewegung Deutschland gewählt, einem Dachverband von rund 250 Organisationen und Institutionen, die in Deutschland das Ziel der Europäischen Einigung unterstützen. Dazu gehören neben vielen zivilgesellschaftlichen Gruppen auch Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände, Akademien, Bildungseinrichtungen und politische Parteien. Seither werde ich regelmäßig alle zwei Jahre wiedergewählt. Mit großer Freude helfe ich dort dabei mit, aus den sehr diversen Interessen einen möglichst breiten europäischen Konsens herauszuarbeiten und zu vertreten. Daneben kümmere ich mich um Kontakte zu Verbänden in anderen europäischen Staaten und zum European Movement International. So habe ich beispielsweise vor dem Großangriff Russlands eine Studienreise mit Vertretern unterschiedlicher Verbände in die Ukraine organisiert und halte Kontakte auf den Balkan und nach Polen.

Teilweise Heimkehr

Digitalisierung, Musik und Verantwortung

Ob es Planung gewesen ist, weiß ich nicht, aber schon den Zenit der Citizens of Europe hatte ich in die Pfalz gelegt. Der Lehrauftrag an der RPTU in Landau brachte mich regelmäßig in die Heimat. Dass mein Vater vor einem Jahrzehnt den landwirtschaftlichen Betrieb traurig abgewickelt hat, belastet mich bis heute. Und doch sah ich in der Übernahme keine wirkliche Perspektive. 

Corona wurde auch für polyspektiv ein großer Einschnitt. Fast nichts von dem, was wir geplant und vorbereitet hatten, konnte plötzlich noch stattfinden. Wir mussten uns praktisch neu erfinden, digitale Formate entwickeln, zuvor für unmöglich gehaltenes möglich machen. Immerhin schafften wir das so gut, dass nach dem existenzgefährdenden Jahr 2021 das Folgejahr ein wirtschaftlich ausgesprochen erfolgreiches wurde. 

Ein harter Einschnitt war der Schlaganfall meines Vaters. Plötzlich sah ich mich für vieles in der Verantwortung. Zur Unterstützung verbrachte ich nun eine Woche pro Monat in der Pfalz – digital arbeiteten wir wegen Covid ohnehin. Gleichzeitig wurde ich der Hauptstadt überdrüssig. Die Unhöflichkeit, das Ruppige, der auf mich oft höhnisch wirkende Berliner „Humor“ stießen mir je mehr auf, je öfter ich in der Pfalz war. Und das, was ich früher mal für Toleranz gehalten hatte, erschien mir nur wie Ignoranz. Auch deshalb freute ich mich auf die Wochen abseits Berlins. Im Sommer entstand 2022 beim Umsteigen die Idee, Erfurt mal genauer anzuschauen. Es sollte fast ein Jahr dauern, bis alles geregelt und eine Wohnung gefunden war, ein Weiteres bis ich die Berliner Wohnung aufgab. Wichtiger Teil meines Lebens wurde der Philharmonische Chor Erfurt.

Unerwartet ergab sich in der Pfalz dann noch ganz Neues. Wegen meiner parteiübergreifenden Arbeit in der EBD und der parteipolitischen Neutralität bei polyspektiv hatte ich mich – trotz Mitgliedschaft seit 2004 – in der CDU nur in Arbeits- und Fachgruppen engagiert. Nun aber schlug „mein“ Bürgermeister in der Pfalz der neuen Vorsitzenden vor, mich um Mitarbeit im CDU-Kreisvorstand zu bitten. Als sie kurz vor der Kommunalwahl zurücktreten musste, übernahm ich den Vorsitz der CDU Donnersberg. Und ein Jahr später sagte kurzfristig der eigentlich Vorgesehene ab und ich fand mich wieder als Wahlkreiskandidat für den Bundestag. Rund acht Wochen Wahlkampf aus dem Stand – zum Glück hielt mir mein großartiges polyspektiv-Team in Berlin den Rücken frei. Mit meiner Beruhigung, dass der Gewinn eines Mandats nicht zu erwarten sei und ich meiner Agentur nicht plötzlich verlorengehe, sollte ich recht behalten. Obwohl ich als kurz zuvor weithin Unbekannter das Niveau meines Vorgängers halten, in „meinem“ Donnersbergkreis sogar gewinnen konnte. 

In Berlin geht es meiner Agentur gut, es will aber das Wachstum sinnvoll gesteuert werden. Außerdem müssen und dürfen wir in Reaktion auf die politische Weltlage, aber auch den Zustand unserer Demokratie ständig Neues erdenken. Ich möchte mit dafür sorgen, dass demokratische Kräfte und vorneweg meine CDU die Oberhand behalten. Außerdem sehe ich die Europäische Bewegung als so wichtig, wie seit Jahrzehnten nicht.

Physisch ist mein Leben schon wegen der weiten, ständig zurück zu legenden Entfernungen sehr anstrengend. Ich bin selbst gespannt, wie es weitergeht.   

Fortsetzung folgt…