allgemein persönlich

Gedanken zum Zirkeltag

28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage – so lange stand die Berliner Mauer, vom 13. August 1963 bis zum 9. November 1989. Und so lange ist sie jetzt auch weg: Vom 9. November 1989 bis heute. Das heißt: Mit dem heutigen Tag gibt es niemanden mehr, der länger mit als ohne die Mauer gelebt hat. Ein schöner Gedanke.

Geboren und aufgewachsen in der Pfalz, kannte ich dieses Bauwerk nur aus dem Fernsehen. Bis zu einer Klassenfahrt in der 10., im Sommer 1988. Die Erinnerungen an diese Reise sind bis heute vielfältig und widersprüchlich. Die Schickanen in Helmstedt bei der Einreise in die DDR, das ungute Gefühl bis man nach dem Grenzübergang Dreilinden in West-Berlin und damit irgendwie wieder „zuhause im Westen“ angekommen war. Das bunte, chaotische Berlin, der leere Reichstag, ein Konzert der „Rainbirds“ auf der Wiese davor, das Abenteuer U-Bahn, die für uns damals riesige Shopping-Mall im Europacenter.

Und dann eben die Mauer. Der Blick vom Aussichtsturm im Lenné-Dreick, nahe beim Potsdamer Platz – wie wenn man im Zoo in ein Gehege schaut. Dann der Besuch im Osten: Übergang und Zwangsumtausch in der Friedrichstraße, ein Tag rund um den Alexanderplatz, in einem für uns irgendwie skurrilen, so ganz anderen Deutschland, in dem wir Westkinder dank Adidas, Nike, unseres Dialekts, unserer Lautstärke und des Überspielens unserer Unsicherheit total auffielen.

Auch an den Tag des Mauerfalls erinnere ich mich. Wie ich beim Pfügen in der Waldgewanne bei Breunigweiler vor Tränen die Furche nicht mehr im Scheinwerferlicht sehen konnte, als die Nachricht im Radio kam. Wie ich nach dem Duschen, weil sonst niemand zuhause war, noch ins Gasthaus Zuspann ging, um meine Freude zu teilen – und mit meiner Begeisterung im Kreis der Freiwilligen Feuerwehr und der typischen Stammtisch-Besatzung so merkwürdig alleine war.

Die Einheit hat mich geprägt. Nicht lange danach zog ich zum Studium nach Potsdam. Eigentlich ein Wahnsinn, war die dortige Uni doch gerade im Umbruch und baulich eine Ruine. Für Frank aus Breunigweiler war das ganze damals aber so etwas wie das größte vorstellbare Abenteuer. Ich fand mich wieder in einer seltsamen Welt des Übergangs, mit dem Geruch von Braunkohle, dem Klang von Zweitaktern und dem von zuhause vollkommen ungewohnten orangefarbenen Licht von Straßenlampen. Die Menschen um mich herum gingen davon aus, dass ich mich als Westler in der auch für sie neuen Welt doch besser auskennen müsse, als sie selbst.

Und heute – schaue ich aus Küche und Schlafzimmer von Osten in den Mauerstreifen, in dem jetzt ein Edeka-Geschäft steht. Das Foto eines alten Grenzturms habe ich am Nachmittag unweit meines Büros gemacht.

#berlinwall