Europa

Rücken an Rücken

Die Europäische Union steckt in Schwierigkeiten. In Genshagen attestierte man auf einer Tagung mangelndes Zugehörigkeitsgefühl

Von Jan Kixmüller

Wenn sich Deutsche, Franzosen, Polen und Tschechen, Wissenschaftler, Politiker, Lehrer und Schüler im Herbst 2006 im gediegenen Schloss Genshagen treffen, um über Europas Identität nachzudenken, sprechen sie über eine Krise. Europa stecke in Schwierigkeiten, war unlängst auf einem Symposium der Stiftung Genshagen aus vielerlei Mund zu hören. Nicht nur eine schlaffe, defensive Wirtschaft und das Scheitern einer gemeinsamen Verfassung wurden bemängelt. Vor allem gebe es ein Problem mit dem Gefühl der Zugehörigkeit unter den EU-Bürgern.

Der Historiker Prof. Rudolf von Thadden, Doyen der Genshagener Stiftung, die sich um das Dreieck Deutschland – Polen – Frankreich verdingt macht, brachte mit Verweis auf Habermas die wesentlichen Probleme der Europäischen Union auf den Punkt: Nach wie vor gebe es keine europäische Öffentlichkeit, keine gemeinsame Außenpolitik, kein gutes Verhältnis zwischen Politik und Markt und schließlich keine gemeinsame Einwanderungspolitik. Wichtigste Konsequenz für von Thadden: Die Integrationspolitik muss ernster genommen werden. Denn in Zukunft würden in der Union immer mehr Menschen neben ihrer Identität auch noch mehrere Zugehörigkeiten haben. So wie einst die Mitbegründerin der Genshagener Stiftung Brigitte Sauzay sagte, sie habe eine französische Identität und eine deutsche Zugehörigkeit.

Prof. Jan Sokol, Dekan der Humanwissenschaften der Prager Karls-Universität, versicherte in Genshagen, schon seit seiner Kindheit nie an seiner europäischen Zugehörigkeit gezweifelt zu haben. Auch wenn die Kriege und der Sozialismus in seiner Heimat Europa immer einen Aufschub gegeben hätten. Heute nun liest er die Sprüche im Spiegelsaal des Brandenburger Schlossgebäudes und sieht hier einen historischen Einfluss, der uns nach wie vor formt. „Das Wort geht aus einem Munde, aber in tausend Ohren“ steht dort beispielsweise unter der Decke. Was sich mit Sokols Forderung einer gemeinsamen Sprache verbindet – einem Fundament auf dem sich alte und neue Europäer miteinander verständigen können.

Der Tscheche Sokol ist dann auch nicht ganz so pessimistisch wie seine Kollegen aus dem alten Europa. Für ihn ist Europa ein Erfolg der Politik im 20. Jahrhundert. 1930 hätte niemand gedacht, dass die Europäer – gerade etwa Deutsche, Franzosen und Polen – Anfang des 21. Jahrhunderts in einem Schloss nahe Potsdam zur gemeinsamen, friedlichen Aussprache zusammenkommen sollten. Das gemeinsame Gefühl der Zugehörigkeit entstehe allerdings nicht von selbst. „Es muss konstruiert werden“, so Sokol. „Es handelt sich um eine fortbestehende, ständige Aufgabe, die nie vollkommen ist, die jeden Tag neu erarbeitet werden muss“, erklärt der Tscheche. „Wir brauchen eine europäische Erziehung, ein gemeinsames Bildungssystem“. Die größte Erfindung Europas sei in der Vergangenheit die Wissenschaft gewesen, die Pflege der Neugier. Heute aber würden die Schulen meist die Neugier abschaffen und für Langweile sorgen.

Den Mangel an Gemeinschaftlichkeiten machte Sokol an der deutsch-polnischen Grenze deutlich. In Görlitz etwa würden sich die Einwohner an Dresden oder Berlin orientieren, auf der anderen Oder-Seite an Warschau. „Das ist eine Nachbarschaft Rücken an Rücken“, konstatierte der Tscheche. Er plädierte gegen ein Ausrichtung auf Zentren und für eine Nachbarschaft auf „Grass-root-level“, eine Bewegung „von unten, also im Sinne der Graswurzelbewegung“. Hier pflichtete ihm Prof. Phillipe Herzog, Vorsitzender von „Confrontations Europe“, bei. Europa sei für viele Europäer heute noch zu weit entfernt. „Aber nicht Brüssel sondern die einzelnen Bürger müssen das Projekt Europa entwickeln.“

In der Diskussion mahnten mehrere Anwesende die Bewahrung der Vielfalt und Pluralität in Europa an. „Wir müssen Vielfalt positiv leben, mit der Komplexität leben und uns hier zugehörig fühlen, nur dann kann es eine Loyalität der Bürger gegenüber Europa geben“, sagte Frank Burgdörfer von „Citizens of Europe“. Man müsse eine europäische Identität herstellen, damit sich die Menschen von Europa betroffen fühlen. „Aber das wird sicher noch Jahrzehnte dauern“, so der junge Europa-Enthusiast Burgdörfer.

„Europa steckt in Schwierigkeiten, die überwunden werden können“, stellte Philippe Herzog fest. Man nahm ihn in Genshagen beim Wort. In der Pause fand sich in den Grüppchen schnell eine gemeinsame Sprache – hier Englisch, da Deutsch, dort wiederum Französisch. Wie hatte der Tscheche Jan Sokol doch zuvor sehr hart geurteilt: „Ein Europäer der nur seine Muttersprache spricht, ist nur ein halber Europäer.“

Quelle: Tagesspiegel

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