220 Schüler diskutieren über Wahlalter und Wehrpflicht

Sollen Jugendliche schon mit 16 wählen können? Nein, meinen die Konservativen – in dem Alter fehle meist die nötige Reife. Doch, widerspricht die Arbeiterpartei: 16-Jährige hätten genug Verantwortungsbewusstsein. Mehr…

“Let me know that I’m not crazy”

Pavel Turchaninov is an advocate for reform in Belarus. He lives in Minsk, where he works as a freelance translator for various NGOs and business customers, including the United Nations Development Programme. He studied Linguistics at Minsk State Linguistic University and Contemporary European Studies at the University of Sussex, UK.

This interview, conducted by Frank Burgdörfer, took place in association with the Citizens of Europe OpenFora, a group of debates among like-informed, not essentially like-minded, people about issues of contemporary life, business and politics in European societies, including external relations and global affairs.

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Mehr Samba, bitte!

Bummel über den Marktplatz der Demokratie.

Ein Marktbummel klingt nach entspanntem Schlendern, verlockenden Gerüchen, bunten Ständen, die zum Verweilen einladen. Ich bin gespannt darauf, was mich auf dem "Marktplatz der Demokratie" erwartet!

Tatsächlich, auf dem Breitscheidplatz vor der Gedächtniskirche sind viele kleine, rot-weiße Marktbuden aufgebaut. Alles sieht ein bisschen chaotisch, aber trotzdem einladend aus. Ich verschaffe mir erst einmal einen Überblick und beginne mit einem Streifzug entlang der Stände. Vereine, die sich für Ausbildungsplätze, Demokratie, Toleranz, Frauen- oder Kinderrechte einsetzen, sind ebenso vertreten wie kleine Delegationen der Bundestagsparteien. Überall gibt es Broschüren. Wer die tatsächlich alle lesen will, hat vermutlich für die nächsten Abende ausgesorgt.

Zentraler Platz

Ich bleibe ich am Stand des Bündnisses “Demokratie jetzt!” stehen, den Veranstaltern des Marktes. Mal schauen, ob ich hier noch ein paar offene Fragen klären kann. Die Veranstaltung heißt offiziell “Agora – Marktplatz der Demokratie”, was bedeutet das eigentlich? “Die Agora war im antiken Griechenland der zentrale Platz einer Stadt. Dort fanden Märkte und politische Versammlungen statt”, erfahre ich. Das Bündnis will mit der Veranstaltung eine Brücke von der antiken Wiege der Demokratie bis heute schlagen. Schwer beeindruckt verabschiede ich mich und schlendere zum Stand der “Initiative für das Europäische Bürgerbegehren”. Dort steht einsam Frank Burgdörfer und wartet auf “Laufkundschaft”. Großer Andrang herrscht allerdings nicht. “Die Leute sind ziemlich skeptisch. Hier kommen vor allem Touristen vorbei, die sich eher für die Gedächtniskirche interessieren”, bedauert der 35-Jährige.

Zaziki von Tzitzikia

Ein paar Meter weiter entdecke ich einen Stand, vor dem sich eine kleine Menschentraube gebildet hat. Als ich mich nähere, wird mir auch klar, warum: Es gibt kostenloses Fladenbrot mit Zaziki. Auch mein Magen knurrt und so reihe ich mich brav in die Warteschlange ein. Während ich warte, blättere ich eine Broschüre durch. So erfahre ich, dass ich bei “Ta Tzitzikia e.V.” gelandet bin. Ein Frauennetzwerk, das sich in der Planung, Förderung und Durchführung politischer, kultureller und sozialer Projekte engagiert. Der Verein gehört zu den Initiatoren des Bündnisses “Demokratie jetzt!” Gestärkt ziehe ich weiter und treffe auf eine kleine Gruppe Jugendlicher, die gerade dabei ist, es sich auf einer Bank bequem zu machen. Ich geselle mich dazu und frage, wie sie von der Veranstaltung erfahren haben. “Wir sind hier nur zufällig gelandet, eigentlich wollten wir zur Gedächtniskirche”, erklärt Lukas Kimmer aus Bischofsheim. Die beiden 17-Jährigen sind sich einig: “Die Idee ist gar nicht übel, aber das meiste hier ist einfach zu theoretisch.”

Samba und Trommeln

Weiter kommen wir mit unserer Unterhaltung nicht, denn plötzlich beginnt eine Sambagruppe auf einer kleinen Bühne in der Mitte des Marktplatzes zu spielen. Die Musiker in den bunten Kleidern entpuppen sich schnell als lautstarker Publikumsmagnet. Selbst zwei schon etwas ältere Damen können sich den rasselnden Rhythmen nicht entziehen und beginnen spontan mit einem kleinen Tanz. Von Theorie kann in diesem Fall wirklich nicht die Rede sein. Trotzdem: Der “Marktplatz der Demokratie” ist ein Ort, an dem sich viele verschiedene Projekte, Vereine und Initiativen kennenlernen können. Um für Jugendliche interessant zu werden, hätte es mehr Möglichkeiten zum Mitmachen und Ausprobieren geben müssen. Eine offene Diskussion, Vorträge, Film- oder Theaterbeiträge hätten der Veranstaltung sicher noch ein wenig mehr Spannung verleihen können. Die Sambaband ist prima – von rhythmischen Trommelschlägen begleitet tänzele ich zurück zur U-Bahn-Station.

Kristin Ofer, 18 Jahre, Abiturientin aus Speyer

Quelle: Schekker

Rücken an Rücken

Die Europäische Union steckt in Schwierigkeiten. In Genshagen attestierte man auf einer Tagung mangelndes Zugehörigkeitsgefühl

Von Jan Kixmüller

Wenn sich Deutsche, Franzosen, Polen und Tschechen, Wissenschaftler, Politiker, Lehrer und Schüler im Herbst 2006 im gediegenen Schloss Genshagen treffen, um über Europas Identität nachzudenken, sprechen sie über eine Krise. Europa stecke in Schwierigkeiten, war unlängst auf einem Symposium der Stiftung Genshagen aus vielerlei Mund zu hören. Nicht nur eine schlaffe, defensive Wirtschaft und das Scheitern einer gemeinsamen Verfassung wurden bemängelt. Vor allem gebe es ein Problem mit dem Gefühl der Zugehörigkeit unter den EU-Bürgern.

Der Historiker Prof. Rudolf von Thadden, Doyen der Genshagener Stiftung, die sich um das Dreieck Deutschland – Polen – Frankreich verdingt macht, brachte mit Verweis auf Habermas die wesentlichen Probleme der Europäischen Union auf den Punkt: Nach wie vor gebe es keine europäische Öffentlichkeit, keine gemeinsame Außenpolitik, kein gutes Verhältnis zwischen Politik und Markt und schließlich keine gemeinsame Einwanderungspolitik. Wichtigste Konsequenz für von Thadden: Die Integrationspolitik muss ernster genommen werden. Denn in Zukunft würden in der Union immer mehr Menschen neben ihrer Identität auch noch mehrere Zugehörigkeiten haben. So wie einst die Mitbegründerin der Genshagener Stiftung Brigitte Sauzay sagte, sie habe eine französische Identität und eine deutsche Zugehörigkeit.

Prof. Jan Sokol, Dekan der Humanwissenschaften der Prager Karls-Universität, versicherte in Genshagen, schon seit seiner Kindheit nie an seiner europäischen Zugehörigkeit gezweifelt zu haben. Auch wenn die Kriege und der Sozialismus in seiner Heimat Europa immer einen Aufschub gegeben hätten. Heute nun liest er die Sprüche im Spiegelsaal des Brandenburger Schlossgebäudes und sieht hier einen historischen Einfluss, der uns nach wie vor formt. „Das Wort geht aus einem Munde, aber in tausend Ohren“ steht dort beispielsweise unter der Decke. Was sich mit Sokols Forderung einer gemeinsamen Sprache verbindet – einem Fundament auf dem sich alte und neue Europäer miteinander verständigen können.

Der Tscheche Sokol ist dann auch nicht ganz so pessimistisch wie seine Kollegen aus dem alten Europa. Für ihn ist Europa ein Erfolg der Politik im 20. Jahrhundert. 1930 hätte niemand gedacht, dass die Europäer – gerade etwa Deutsche, Franzosen und Polen – Anfang des 21. Jahrhunderts in einem Schloss nahe Potsdam zur gemeinsamen, friedlichen Aussprache zusammenkommen sollten. Das gemeinsame Gefühl der Zugehörigkeit entstehe allerdings nicht von selbst. „Es muss konstruiert werden“, so Sokol. „Es handelt sich um eine fortbestehende, ständige Aufgabe, die nie vollkommen ist, die jeden Tag neu erarbeitet werden muss“, erklärt der Tscheche. „Wir brauchen eine europäische Erziehung, ein gemeinsames Bildungssystem“. Die größte Erfindung Europas sei in der Vergangenheit die Wissenschaft gewesen, die Pflege der Neugier. Heute aber würden die Schulen meist die Neugier abschaffen und für Langweile sorgen.

Den Mangel an Gemeinschaftlichkeiten machte Sokol an der deutsch-polnischen Grenze deutlich. In Görlitz etwa würden sich die Einwohner an Dresden oder Berlin orientieren, auf der anderen Oder-Seite an Warschau. „Das ist eine Nachbarschaft Rücken an Rücken“, konstatierte der Tscheche. Er plädierte gegen ein Ausrichtung auf Zentren und für eine Nachbarschaft auf „Grass-root-level“, eine Bewegung „von unten, also im Sinne der Graswurzelbewegung“. Hier pflichtete ihm Prof. Phillipe Herzog, Vorsitzender von „Confrontations Europe“, bei. Europa sei für viele Europäer heute noch zu weit entfernt. „Aber nicht Brüssel sondern die einzelnen Bürger müssen das Projekt Europa entwickeln.“

In der Diskussion mahnten mehrere Anwesende die Bewahrung der Vielfalt und Pluralität in Europa an. „Wir müssen Vielfalt positiv leben, mit der Komplexität leben und uns hier zugehörig fühlen, nur dann kann es eine Loyalität der Bürger gegenüber Europa geben“, sagte Frank Burgdörfer von „Citizens of Europe“. Man müsse eine europäische Identität herstellen, damit sich die Menschen von Europa betroffen fühlen. „Aber das wird sicher noch Jahrzehnte dauern“, so der junge Europa-Enthusiast Burgdörfer.

„Europa steckt in Schwierigkeiten, die überwunden werden können“, stellte Philippe Herzog fest. Man nahm ihn in Genshagen beim Wort. In der Pause fand sich in den Grüppchen schnell eine gemeinsame Sprache – hier Englisch, da Deutsch, dort wiederum Französisch. Wie hatte der Tscheche Jan Sokol doch zuvor sehr hart geurteilt: „Ein Europäer der nur seine Muttersprache spricht, ist nur ein halber Europäer.“

Quelle: Tagesspiegel